Die Spanziehmühle Grünhainichen
Technisches Denkmal und Wahrzeichen

Europas einziges produzierendes technisches Denkmal dieser Art

 

 

Oben am Wildenstein, in 540 Meter Höhe, liegen die Quellen des Grünhainichener Dorfbaches, der sein Wasser in östlicher Richtung der Flöha zuführt. Er durchfließt das nach dort terassenförmig abfallende Dorf und verleiht dem Ortsbild daher eine einzigartige Topografie.
Drechsler und Spielzeugmacher nutzen von jeher die Wasserenergie. Fünf Wasserräder konnte man noch 1920 hier antreffen.
Bis in die jüngere Zeit hat sich lediglich jenes der Spanziehmühle erhalten, die 1650 erstmals urkundlich genannt wird. Sie dürfte jedoch noch älter sein, da nach nicht verbürgter Überlieferung schon 1587 ein Spanzieher in Grünhainichen erscheint.
Aus dem Jahre 1695 ist die Existenz eines Spanhobels bezeugt, und 1742 wird vom Lehrer Fischer berichtet, daß er, sobald die Unterrichtstätigkeit im gegenüberliegenden Schulgebäude beendet war, unten bei seinem Vater beim Späneziehen half.
Das mochte bei der Einwohnerschaft der Umgebung wenig Resonanz gefunden haben. War doch ein Spottvers der Borstendorfer im Umlauf, der in die Ortsgeschichte Eingang gefunden hat:

                   “Ach Gott, vom Himmel sieh darein
                     und laß es Dich erbarmen,
                     ein Spänzieher soll unser Schulmeister sein,
                     verlassen sind wir Armen”

Der Sohn jenes Katecheten, der solche Spitzfindigkeiten erdulden mußte, war Christian Friedrich Fischer.
Wahrscheinlich hatte er keine männlichen Nachkommen als er 1799 starb. Seine Tochter ehelichte Karl Gottlob Enger. So gibt es die Engersche Spanziehmühle” seit dem Jahre 1789. Karl Gottlobs Sohn, Karl Friedrich Wilhelm Enger, entwickelte 1846 sogar ein eigenes Familienwappen und baute die Spanziehmühle 1857 so um, wie wir sie noch heute vorfinden.

 

   
  Der Bedarf des Halbzeuges Buchenspan mag sehr groß gewesen sein, wurden doch daraus Trommelreifen, Siebränder, Kornmaße, Bürstendeckel, Schuhsohlen, vor allem aber Behältnisse für Grünhainichener Spielwaren hergestellt.
Auf der Leipziger Messe waren diese sehr begehrt, wo die Händler aus dem Erzgebirgsdorf alljährlich ihren Stand an der Nicolaikirche hatten.
 

            

            Die Spanziehmühle 1937                                       Wilhelm Enger 1976 in seiner Werkstatt

 

  Sporadisch wurden noch bis 1976 Späne gezogen.
Mit dem Tode Wilhelm Engers 1988 aber war das Kapitel dieses seltenen Handwerks erst einmal abgeschlossen.
Die gute Gründung des Bruchsteinmauerwerkes verhinderte in den Jahren danach ein gänzliches Zusammenbrechen der desolaten Gebäude. Aber ebenso stark begründet war der unbeugsame Aufbauwille von Frau Ursula Grimm. Nach dem Kauf der Gebäude 1991, erfolgte mit ihrem Ehemann in nur wenigen Monaten eine denkmalgerechte Sanierung des Mühlengebäudes und der angrenzenden Scheune mit ihrem überhängenden Oberbau als ein einmaliges architektonisches Ensemble.
Mit dem Ergrünen der Wiesenhänge im Frühjahr 1993 leuchtet aus dem Talgrund das Englisch-Rot der erneuerten Putzfassaden unter den naturschiefergedeckten Dächern der Spanziehmühle.
 

                  

            Die Spanziehmühle heute                                                     Die Gaststätte “Schachtelstübchen”

 

  All die Mühen und harten Wochen der Aufbauarbeit waren noch nicht vergessen, da organisierte Frau Grimm im Juni 1993 mit der Eröffnung der Mühle und der Gaststätte “Schachtelstübchen” über dem Ziehraum das erste Mühlenfest. Einbezogen war dabei auch die herrliche Umgebung Grünhainichens. Am Mühlenwanderweg steht seitdem die nach Frau Grimms Idee entworfene und vom Holzgestalter Lutz Lipkowsky aus Falkenau geschaffene Mühlensäule. Von der Ruhebank davor genießt der Naturpilger den schönsten Blick auf das Dorf und die Spanziehmühle, bis hinab zum Flöhafluß.
Ein Festtag aber war für Familie Grimm im Jahre 1994.
Erstmals wieder ergoß sich das Wasser auf das 3,5 Meter große erneuerte Mühlrad. Zum Rauschen erklang das Knarren der Gestänge im Erdgeschoß, die schließlich den Spanhobel wieder über den festverspannten Buchenholzklotz gleiten ließen. Die ersten Späne für den gewerblichen Bedarf wurden erst 1997 wieder gezogen.
3 bis 4 Stunden beträgt die Füllzeit des Staubeckens, das dem Bauensemble vorgelagert ist. Mit dieser Wassermenge und dem ständigen Zulauf können dann an einem ganzen Arbeitstag Späne gezogen werden. Dies geschieht zweimal jährlich: Pfingstmontag, zum "Deutschen Mühlentag" und am 3. Sonntag im Oktober, zum "Tag des traditionellen Handwerks". Einmal ist ausreichend Wasser vorhanden, zum anderen kann nur frisch gefälltes Buchenholz verwendet werden. Zwei Männer führen die schwere Hobelplatte. Von ihrem Können und der Breite des Holzklotzes hängen Maß und Qualität des Spanes ab.

 

 

Das Ziehwerk und das Späneziehen

 

 

Vier Tage intensives Spanziehen schafft den Jahresvorrat zum Fertigen von Spanschachteln. Wie diese entstehen, ist in der Werkstatt erlebbar. Von begabten Händen bemalt, sind sie begehrtes Erzeugnis erzgebirgischer Holzgestaltungskunst.
Ihren Weg nehmen diese zusammen mit weiteren beliebten Spielsachen aus “Grimm´s Märchenstube”, dem 2003 entstandenen Laden, wo ehedem der Katechet Grünhainichens Nachwuchs Lesen und Schreiben beibrachte.

Text: Werner Markgraf, Niedermülsen